Tauchen

Die Reise ins Unterwasserparadies begann mit einer Busfahrt durch die Hölle. Kurz nach unserer Rückkehr aus dem Dschungel holte uns am selben Abend noch ein Kleinbus ab, um uns nach Singkil zu bringen, von wo aus wir auf die Banyak-Inseln übersetzten wollten. Wir stellten uns schon auf eine wenig luxuriöse Fahrt ein, aber auf eine solche Kombination aus Quälereien waren wir nicht gefasst.

Unseren einigermaßen beinfreundlichen Sitzplatz mussten wir aufgeben, weil eine Familie zu fünft die drei Plätze in der zweiten Reihe gebucht hatte und so quetschten wir uns auf die dahinterliegenden Sitze. Dank der, auf indonesische (Nicht-)Größe angepassten, Abstände, wurden die Beine angewinkelt und die Knie in oder zwischen die Vordersitze geklemmt.
Nach einigen Hausbesuchen war der Bus bis auf den letzten Zentimeter gefüllt, die Herren um uns herum zündeten sich die erste von unzähligen Zigaretten an und die Fenster wurden auf Durchzug gestellt, Klimaanlage Fehlanzeige. Auch unsere Ohren blieben von dieser einmaligen Erfahrung nicht verschont. Den Lautstärkeregler bis zum Anschlag aufgedreht, verwöhnte uns der Fahrer mit ohrenbetäubendem Billig-Techno, zu dem sich normalerweise pubertierende Jugendliche ohne Musikgeschmack in “Nachtschicht” und Co. in Ohnmacht “tanzen”. Für eine schlaflose Nacht sorgte auch die Straße, die mit Kurven, fehlendem Asphalt und Schlaglöchern gespickt war und den Kopf von einer Seite zur anderen schleuderte und wenn man nicht aufpasste, landete er an einer der harten Ecken und Kanten.
Und so raste der qualmende Partybus durch die dunkle, ruhige Nacht und das Mädchen vor uns kotzte sich die Seele aus dem Leib.

Gegen 6 Uhr stiegen wir endlich in ein etwas bequemeres Auto um, fielen sofort in einen tiefen Schlaf und erwachten etwa 1 1/2 Stunden später im Hafen von Singkil. Wir bestiegen die Fähre, warteten bis zur Abfahrt um 11 Uhr und fuhren dann vier Stunden nach Balai, einer der ersten Inseln des Archipels. Von dort tuckerten wir zwei Stunden mit einem kleinen Boot bis zu unserem Ziel, der Insel Tailana. Inzwischen näherte sich die Sonne schon wieder dem Horizont und als wir die Insel erreichten, war der Tag vorüber und wir seit mehr als 21 Stunden unterwegs.

Wir wussten nicht wirklich was uns erwartet. Wir wollten einen Tauchkurs machen und hatten am Tobasee ein Plakat entdeckt, dass die Tauchschule auf den Banyak-Inseln bewarb und das Angebot klang vielversprechend. Also waren wir auf gut Glück dorthin gefahren.
Nach fünf Tagen in der Wildnis freute ich mich auf Strom, Internet und eine gemütliche Unterkunft. Doch da wurde ich enttäuscht. In den Bungalows gab es weder Strom noch Licht, nur beim Hauptgebäude wurde abends ein Generator aktiviert und so konnte ich zumindest die leeren Akkus der letzten Tage von Handy, iPad, Kamera und GoPro laden, aber nur einen nach dem anderem, schließlich waren die Steckdosen heiß umkämpft. Das Bad bestand aus zwei Kabinen mit Löchern und Wasserbecken für alle Inselbewohner. Das Essen war eine Abwechslung aus Reis und Nudeln mit ein wenig Gemüse. Da ich absolut nicht darauf eingestellt war, hatte ich etwas Startschwierigkeiten. Anna war von Anfang an begeistert. Und das war gut so. Ab dem nächsten Vormittag sah ich nicht mehr die fehlenden Bequemlichkeiten, sondern den traumhaften Strand vor der Haustür, die netten – und zahlenmäßig stark begrenzten – Inselmitbewohner (zu Beginn ca. 16) und jede Menge Fische und Korallen.

Am Nachmittag starteten wir den Tauchkurs. Nach einer kurzen Einweisung versenkten wir uns samt Equipment am Strand vor der Insel, lernten ein paar Techniken und bekamen eine kleine Führung durch das Hausriff. Wir entdeckten einen Stachelrochen, Minishrimps, Nemos und vieles mehr. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass bei den meisten Tauchschulen die ersten Tauchgänge in größeren Gruppen im Pool absolviert werden. Dank Freddy, unserem französischen Tauchlehrer, und seiner Unterwasserkamera, wurde alles feinsäuberlich dokumentiert. (Die meisten Bilder unter Wasser sind folglich von ihm.)

Und so verbrachten wir einige ruhige, lehrreiche und gesellige Tage über und unter Wasser, spielten Karten und Volleyball, streberten von früh bis spät und lebten wie moderne Robinson Crusoes.

Bis der Ramadan zu Ende war. Dann begann Idul Fitri (das Fest des Fastenbrechens) und Massen von Indonesiern wurden in ihren lächerlich grellen Schwimmwesten angespült, schlugen Krawall, bevölkerten die beiden Toiletten und vermüllten die Insel. (Ausnahmsweise ist nichts davon übertrieben). Da Privatsphäre im indonesischen nicht exisitiert, wurden die fremden Bungalows schnurstracks zu Mittagstischen und die Bewohner in ihrer Unterkunft zu Selfie-Objekten umfunktioniert.
Der Spuk dauerte drei Tage, danach waren die meisten Inselbewohner genervt und froh, die Insel zu verlassen.
Zum Glück verbrachten wir einige Zeit in der stillen und menschenleeren Unterwasserwelt und unser Bungalow war etwas abseits des schlimmsten Geschehens.
Die Insel mit ihren Bewohnern und der Tauchkurs bleiben uns jedenfalls trotzdem in guter Erinnerung.

Nach erfolgreich abgelegter Prüfung traten wir den Rückweg aufs Festland an (so kommt einem die Insel Sumatra zumindest vor), gemeinsam mit unserer Kartenspielrunde, einem südafrikanischen und einem schweizer Pärchen. Zuerst in einer, für diesen Seegang gerade noch geeigneten, Nussschale, die sich immer wieder in erstaunliche Schieflage begab, ohne zu kentern und danach auf einer völlig überfüllten Fähre. Wir suchten uns ein freies Fleckchen am Fahrzeugdeck und zückten noch einmal das Kartendeck, bevor jeder seiner Wege ging.

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3 thoughts on “Tauchen

  1. Eine wunderschöne Insel und herrliche Bilder 🙂 nur der Bericht der Anreise ist mein ganz persönlicher Alptraum ….ich glaub, ich wäre da einfach raus aus dem Bus mit einer dezenten Panikattacke
    LG Sabine

  2. Ein Abenteuer nach dem anderen…
    Unglaublich schöne Aufnahmen…
    Strapazen, um die euch wohl niemand beneidet…

  3. Wie vorhin schon gesagt: tolle Abenteuer – obwohl nicht immer angenehm – tolle Bilder – aber auch jede Menge Strapazen. Aber sicher für euch unvergesslich!

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