Dschungelfieber

Zeitig in der früh machten wir uns auf den Weg nach Ketambe, eine kleine Region im Herzen des Gunung Leuser Nationalparks, eingeschlossen von dichtem Regenwald und nur in zwei Richtungen durch eine Straße mit der Außenwelt verbunden. Der Zweck der Reise war eine mehrtägige Dschungeltour mit Übernachtung im Zelt und hoffentlich jeder Menge tierischer Begegnungen.

Der Tag der Anreise begann für mich mit Übelkeit und Magenproblemen, nicht gerade die besten Voraussetzungen für eine stundenlange Autofahrt. Die unzähligen Kurven, die schlechten Straßen und die Fahrweise der Einheimischen machten es nicht gerade besser. Den letzten Teil der Strecke legten wir in einem lokalen “Bus” zurück, wo wir uns zu zehnt mit Säcken und Kisten voller Lebensmittel-Vorräte die Ladefläche teilten.

Am Ende kamen wir erschöpft in der Unterkunft an, die auch den Startpunkt für die Tour am nächsten Morgen bilden sollte.
Doch da machte uns mein Körper einen Strich durch die Rechnung und bedankte sich für die wilde Fahrt mit einer Portion Fieber. Doch das konnte nicht der wahre Grund sein. Hatte ich etwas falsches gegessen, war ich von einer irren Mücke gestochen worden oder gab es einen anderen seltsamen Auslöser für den plötzlichen Stimmungswandel? Ohne Internet und Handy-Empfang konnten wir auch niemanden kontaktieren oder uns im Internet schlau machen. Also organisierte Jhony, unser Gastgeber, die einzige Person in der Umgebung, die wir um Rat fragen konnten: Die Hebamme aus dem nächstgelegenen Dorf.

Sie war auch kurze Zeit später zur Stelle, hatte aber das Fieberthermometer vergessen. Also maß sie professionell den Blutdruck und steckte mir anschließend rezeptpflichtige Antiobiotika gegen irgendetwas zu und ergänzend noch jede Menge gelber Pillen. Beides sollte ich mehrmals täglich zu mir nehmen. Wir beließen es dann doch bei einem unserer eigenen, fiebersenkenden Mittelchen. Den Start der Tour verschoben wir um einen Tag und warteten den nächsten Morgen ab. Mein Zustand hatte sich deutlich verbessert, das Fieber war verschwunden und so erholten wir uns noch einen Tag am Rand des Dschungels, beobachteten ein paar Affen in den Bäumen vor der Hütte und staunten über die enorme Größe der Flughunde, die wie überdimensionierte Fledermäuse ihre Kreise über unseren Köpfen zogen.

Am zweiten Morgen ging es dann endlich los. Wir marschierten ein Stück die Straße entlang, die auch Leonardo DiCaprio bei seinem Überraschungsbesuch drei Monate zuvor genutzt hatte, um in den Dschungel zu gelangen. Für seine Kritik an der Abholzung des Regenwaldes wurde ihm damit gedroht, des Landes verwiesen zu werden. Die Regierung war über seinen spontanen Auftritt im Nationalpark nicht sonderlich erfreut. Also machten wir kein großes Aufsehen um unseren Besuch und verzogen uns schnell in die dichten Wälder.

Die Besonderheit des Leuser Nationalparks sind die dort wild lebenden Orang Utans, die nur noch im Norden Sumatras und im Süden der Insel Borneo vorkommen. Die Chance, welche zu sichten, ist relativ hoch, allerdings wird von allen Anbietern immer wieder betont, dass es keine Garantie gibt, überhaupt etwas (besonderes) zu sehen.
Auch Nashörner, Elefanten und Sumatra-Tiger leben in diesen Wäldern, allerdings ist es sehr unwahrscheinlich, einem Exemplar zu begegnen. Selbst ein Großteil der Guides hat noch keinen Tiger zu Gesicht bekommen. Einerseits beruhigend, andererseits auch etwas schade.

Um die Chance zu erhöhen, etwas spannendes zu entdecken, bewegten wir uns in gemächlichem Tempo und ohne zu sprechen durch das Unterholz und blieben immer wieder stehen, um nach diversen Tieren Ausschau zu halten. Oder besser gesagt, unser Guide übernahm das Ausschau halten, wir starrten wie die Blöden auf ein Meer aus grünen Blättern und fragten uns nach einigen Versuchen, ob wir hier je etwas sehen würden.
Doch dann deutete Said, unser Guide, der von sich nur in der dritten Person sprach, auf ein paar Bäume in der Ferne und fragte uns, ob wir etwas entdecken könnten. So sehr wir uns auch anstrengten, außer Ästen und Blättern ließ sich nichts erkennen. Erst nach genauerer Beschreibung konnten wir die ersten Affen ausmachen.
Hier ein Beispiel für unser aussichtsloses Unterfangen. Wer findet den Affen?

Als kleiner Hinweis: Es handelt sich um einen Thomas-Languren, der aufgrund seiner lustigen Frisur liebevoll Funky Monkey genannt wird.
Von dieser Sorte begegneten uns noch jede Menge Exemplare. Genau wie von den frechen Javaneraffen, die uns auch vor und nach unserer Dschungeltour immer wieder über den Weg liefen. Zum Beispiel bei ihren Versuchen, diverse Leckereien von Straßenständen zu stibitzen.

Zu Mittag erreichten wir unser Lager für die erste Nacht, wurden bekocht und konnten uns im Fluss erfrischen, bevor es ein zweites Mal in das Gebiet ging, wo die Wahrscheinlichkeit, auf Orang Utans zu treffen, besonders hoch ist.

Doch so sehr wir uns auch anstrengten, die “Waldmenschen” (so die wörtliche Übersetzung aus dem Indonesischen) ließen sich nicht blicken. Wir konnten nur ihre Nester ausfindig machen, die sie für ihren Mittagsschlaf und die Übernachtung basteln. Doch die waren schon längst wieder verlassen.
Zum Glück können sich Pflanzen und Bäume nicht so schnell verstecken und so bekamen wir zumindest davon ein paar vor die Linse. Und eine Würgefeige, die ihren Wirtsbaum bereits beseitigt hatte, bot ein gutes Klettergerüst, um es den Affen gleich zu tun.

Gegen Ende der Nachmittagsrunde und als sich schon ein leichtes Frustgefühl angeschlichen hatte, war es endlich soweit. Wir trafen auf ein Orang-Utan-Weibchen mit ihrem Jungen, das gerade einen Baum hinunterkletterte und sich ungerührt beobachten ließ, während es gemächlich von Baum zu Baum schwang, immer auf der Suche nach der nächsten Leckerei.

Als Belohnung für unsere erste Orang-Utan-Sichtung wurden wir von Said zu offiziellen Dschungel-Bewohnern befördert.

Den verbleibenden Nachmittag und Abend verbrachten wir im Lager, bereiteten Feuerholz vor, wurden von Said mit Rätseln bei Laune gehalten und bekamen Besuch von einer Gottesanbeterin, die eher den Namen Kerzenanbeterin verdient hätte und sich bei dem Versuch, das Wachs zu verspeisen, mehrmals die Beinchen verbrannte.

Der nächste Vormittag verlief ähnlich wie der Nachmittag zuvor, wir trafen diesmal auf eine ganze Orang-Utan-Familie und zu Mittag begegnete uns eine Gefleckte Kettennatter, die gerade ein Gecko (oder etwas ähnliches) verspeiste.

Am Nachmittag wanderten wir den Fluss entlang zu den heißen Quellen, deren kochend heißem Wasser man besser aus dem Weg gehen sollte. Dort schlugen wir unser Lager für die zweite Nacht auf und badeten bei Kerzenschein ein Stück unterhalb der Quellen, wo die Temperatur erträglich war.

Der sternenklare Himmel und die hoch aufragenden Bäume boten wieder einmal ein tolles Motiv für Langzeitbelichtungen.

Am nächsten Tag starteten wir mit ein paar Turnübungen, trafen auf ein Orang-Utan-Männchen, fanden eine Ameisenstraße und eine Ameisenautobahn, stolperten beinahe über eine Braunschlange, die sich um einen Ast am Boden gewickelt hatte und ich bekam eine Einweisung im Pflanzen-mit-der-Machete-Zerhacken.
Wir legten einen kurzen Zwischenstopp bei einem Wasserfall ein, wo sich ein Schmetterling – wahrscheinlich aufgrund der auffälligen Ähnlichkeit – in meine Schuhe verliebte.
Das Mittagessen nahmen wir in den heißen Quellen zu uns bevor wir uns auf den Rückweg machten.

Insgesamt waren wir auf 11 oder 12 Orang Utans getroffen, womit wir uns durchaus glücklich schätzen können, schließlich gibt es auch Touren, die in der gleichen Zeit gar keinen zu Gesicht bekommen. Außerdem sahen und hörten wir Nashornvögel, bei denen man glauben könnte, ein Düsenjet würde über einen hinwegfliegen, so laut sind ihre Flügelschläge.
Nur das Tele-Objektiv habe ich ziemlich vermisst, denn so bleiben die meisten Affen nur kleine Flecken im grünen Blättermeer. Vielleicht das nächste mal. Und dann wollen wir auch einen Tiger sehen.

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2 thoughts on “Dschungelfieber

  1. wow. tolle bilder. auch ohne tele. Und spannender bericht. klingt nach ein paar sehr eindrucksvollen tagen…

  2. Unglaublich, was ihr schon alles gesehen habt in den letzten Monaten! Gut gemacht, das sind bleibende Eindrücke und Erinnerungen für eine langes Zeit…

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