Banda Aceh, die Hauptstadt der Sonderregion Aceh, im Norden Sumatras, ist vor allem berüchtigt für die Anwendung der Scharia, des islamischen Gesetzes, und schafft es dank der zahlreichen Auspeitschungen regelmäßig in heimische Zeitungen. Auch Touristen und andere Nicht-Muslime scheinen davon nicht verschont zu bleiben.
Trotzdem stand Banda Aceh eigentlich schon von Beginn an auf unserer Reiseroute, zum einen als Alternativplan für unseren Tauchkurs – die nahe Insel Pulau Weh ist bekannt für seine traumhaften Tauchspots – und zum anderen wegen der Gedenkstätten an den schweren Tsunami von 2004. Wir wollten den Plan aber schon beinahe verwerfen, weil wir nur noch drei Tage Zeit hatten und der Weg ziemlich weit ist. Aus Mangel an Alternativen und weil in Sumatra ohnehin nichts nahe ist, machten wir uns also auf den Weg und sahen der 14-stündigen Busfahrt unerschrockenen entgegen. Naja, nicht ganz.
Aber die Beinfreiheit war nicht ganz so eingeschränkt, der Rauch und die Lautstärke hielten sich in Grenzen und die Straße war wesentlich ruhiger. Nur der kleine Bus war nicht ganz dicht. Aber zum Glück regnete es nur kurz. So konnten wir ein paar Stunden schlafen und kamen, trotz 22-stündiger Reise (inklusive Bootsfahrt zu Beginn), einigermaßen glücklich in Banda Aceh an.
Bei der Unterkunft folgten wir ausnahmsweise einmal der Empfehlung unseres Reiseführers. Nicht nur wegen Strom, Internet und eigenem Bad. Das ist abseits von einsamen Inseln eh nicht so selten. Sondern wegen der strengen Auslegung des Islams. Unverheirateten Paaren ist es verboten, in einem Zimmer zu schlafen, überhaupt ist zu nahes beieinandersitzen schon strafbar und ein Date ist bereits eines der schlimmeren Vergehen. Je nach Quelle wird eine unerlaubte Nacht im gleichen Zimmer mit Peitschenhieben oder sofortiger Zwangsheirat bestraft.
Man hört und liest sehr viel zu diesem Thema und die Meinungen und Erfahrungen gehen weit auseinander. Es ist schwer zu beurteilen, was davon wirklich stimmt und was frei erfunden, verfälscht oder übertrieben ist. Angeblich sollte die Scharia auch nur bei Muslimen zur Anwendung kommen, es gab aber auch schon Bestrafungen von “Ungläubigen”.
Zur Sicherheit und aus Mangel an Masochismus besorgten wir uns im Vorfeld Ringe, ließen unsere Bikinis und Mankinis in den Tiefen der Rucksäcke verschwinden, verzichteten auf unsittliches Verhalten – wie Händchenhalten – in der Öffentlichkeit und buchten eben ein Hotel, das auch Ausländer aufnimmt.
Da die Scharia-Polizei immer wieder auf der Suche nach unverheirateten Schlingeln die Hotels abklappert und die Gästelisten nach verdächtigen Hinweisen durchsucht, wurden in unserer Unterkunft nur mein Name und mein Pass registriert, vermutlich um es gar nicht erst zu einer solchen Razzia kommen zu lassen. Das verschließen der Hotelzimmertür hilft einem im Falle einer Durchsuchung auch nicht weiter, die, offensichtlich früher einmal vorhandenen, Türriegel wurden vorsorglich entfernt.
Am Tag unserer Ankunft besichtigten wir die Große Moschee, wobei “besichtigen” nicht ganz das richtige Wort dafür ist. Wir konnten von außen einen Blick darauf werfen, rumdherum war eine große Baustelle, betreten durften wir sie aus religiösen Gründen nicht.
Dann ging es weiter zum Tsunami-Museum. Die meisten Menschen aus westlichen Ländern verbinden den Tsunami von 2004 eher mit Thailand, was vor allem an der verzerrten Berichterstattung liegt. In Thailand waren zu diesem Zeitpunkt die meisten Touristen und damit auch die meisten Videokameras und in Folge war die Anzahl an europäischen Opfern dort auch am höchsten. Dass aber Indonesien, und hier vor allem die Region Aceh, mit Abstand am stärksten betroffen war, ist vielen – so wie uns selbst, bevor wir nach Indonesien kamen – nicht bewusst.
Während Thailand in etwa 7.800 Tote zu beklagen hatte, forderte der Tsunami in Indonesien schätzungsweise 168.000 Opfer. Eine unfassbare Zahl, die gemeinsam mit den Bildern und Videos einen berührenden Eindruck hinterlässt. So gut wie jeder in dieser Stadt hat Freunde und Familienmitglieder verloren und jeder kann seine ganz eigene Leidensgeschichte erzählen.
Den Großteil des nächsten Tages entspannten wir am Strand von Lhoknga, westlich von Banda Aceh. Wir hatten uns gegen einen Tagesausflug auf die Insel Weh entschieden, da wir noch immer unter den traumatischen Erlebnissen auf Tailana litten und befürchteten, dass Weh zu dieser Zeit noch schlimmer überlaufen sein würde. Außerdem wäre ein Tag zu wenig und zu stressig um die Insel kennenzulernen.
Auch hier hatte der Tsunami erbarmungslos zugeschlagen und den kleinen Ort dem Erdboden gleichgemacht. Die Wellen waren mit einer Höhe von 35 Metern auf die Küste aufgetroffen und hatten 95% der Einwohner das Leben gekostet.
Bei der Rückfahrt statteten wir dem riesigen Generator-Schiff einen Besuch ab, dessen massiver 2500-Tonnen-Stahlkörper 4 Kilometer im Landesinneren gestrandet war und seitdem als Denkmal (und Besuchermagnet) dort liegen gelassen wurde.
Auch ein weiteres Schiff, dass sich auf das Dach eines Hauses verirrt hatte, dient der Erinnerung und Aufarbeitung der Katastrophe und bildete am nächsten Tag den Abschluss unseres Trips. (Das Titelbild wurde übrigens vor unserem Hotel aufgenommen.) Am Abend ging es mit dem Nachtbus zurück nach Medan und gleich weiter zum Flughafen.
Wir hatten in Banda Aceh keine schlechten Erfahrungen gemacht, wir wurden nicht schief angesehen – also nicht schiefer als sonst – und vor allem nicht abwertend, obwohl Anna kein Kopftuch trug, wir gemeinsam auf dem Moped fuhren und auch sonst nicht mehr Abstand voneinander hielten. Wir wissen natürlich nicht, ob es an den Ringen lag, ob Touristen weniger behelligt werden oder ob wir einfach Glück hatten. Jedenfalls waren die Menschen uns gegenüber freundlich und interessiert und wir mussten im Museum und auf und neben den Schiffen wieder unzählige Male für Fotos Modell stehen und Freunde für ein paar Sekunden spielen.
Den tiefsten Eindruck haben allerdings der Tsunami und seine Folgen hinterlassen. Je mehr man sich damit beschäftigt, desto trauriger wird es. Ein Vater verliert von einer Sekunde auf die andere seine Frau und seine acht Kinder. Er konnte sie einfach nicht festhalten. Kein Einzelschicksal. Das Schicksal von abertausenden an diesem Tag. Trotzdem haben es die Menschen hier geschafft, dieses Kapitel hinter sich zu lassen und ihr Leben und ihre Heimat wieder aufzubauen. So sieht es zumindest aus.












