Bromo

Ich muss ja zugeben, die Motivation für diesen Ausflug hielt sich bei mir anfangs in Grenzen. Schließlich hatte ich eine anstrengende Woche vor und hinter mir und die Aussicht auf eine Nacht im Zug war auch nicht berauschend. Aber es sollte sich lohnen. Gut, dass Anna im Schweinehundbekämpfen schon einiges an Erfahrung hat.

Und so machten wir uns am Donnerstag gegen 9 Uhr abends in zwei verstellbaren Sitzen und mit ausreichend Beinfreiheit auf die nächtliche Fahrt nach Malang, eine Stadt im Osten Javas und in der Nähe des Vulkans Bromo.
Wir erreichten unser vorläufiges Ziel kurz nach 4 Uhr früh und wandelten noch im Halbschlaf durch die Stadt, auf der Suche nach einer vorübergehenden Bleibe, um einen konkreten Plan für die nächsten Tage zu schmieden. Wir fanden einen McDonald’s und nach einem Becher Kaffee entschieden wir uns dazu, gleich in den Nationalpark rund um den Vulkan zu fahren.

Mit Angkots, dem öffentlichen Verkehrsmittel der Stadt, ging es nach Tumpang, einen kleinen Ort außerhalb Malangs. Die Angkots erkennt man entweder an ihrer blauen Farbe, den fehlenden Türen oder ihrem auffällig heruntergewirtschafteten Äußeren – und Inneren. Meist werden so lange Fahrgäste auf die kleinen Bänke im Hinterteil des Fahrzeugs gequetscht, bis kein Reiskorn mehr dazwischen passt.

In Tumpang organisierten wir uns einen Jeep, der uns quer durch den Nationalpark Bromo-Tengger-Semeru in einen kleinen Ort nahe des Bromos brachte, der als Ausgangspunkt für die meisten Touren dient.
Am Weg dorthin bot sich ein schöner Blick auf steile Irgendwas-Felder (kein Reis) und den Semeru in der Ferne – der höchste Berg Javas, der aussieht, als hätte er heftige Verdauungsprobleme.

Kurz nach der Einfahrt in den Nationalpark durchquerten wir die “Savanne”, eine steppenartige Hochebene mit staubigem, teils mit Asche bedecktem Boden, umgeben von steilen Felswenden. Danach waren wir von oben bis unten mit dunklem Aschestaubgemisch bedeckt und sahen aus, als hätten wir wochenlang in der Wildnis gehaust.

Anschließend suchten wir uns eine einfache Unterkunft, versuchten uns grob zu säubern und machten uns gleich wieder auf Erkundungstour. Wir folgten zuerst der Felskante und stiegen dann einen Pfad hinab in die Savanne. Von dort gingen wir auf den Bromo zu, der uns schon von weitem mit seiner mächtigen Rauchwolke entgegenlachte. Auf halbem Weg zog ein Gewitter auf. Dachten wir zumindest. Das dumpfe Grollen war eigentlich unverkennbar. Nur, dass kaum eine Wolke am Himmel zu sehen war. Es musste also noch weiter entfernt sein.

Als wir am Vulkankegel die Treppen (ja, der Bromo ist sehr touristisch) hochstiegen, wurde das Donnern immer lauter und als wir den Kraterrand erreichten, wussten wir, dass es sich nicht um ein Gewitter handelte.
Das Donnern und Beben, das immer lauter wurde, bis eine erneute Aschewolke aus dem Schlund geschleudert wurde, war ziemlich einschüchternd. Man hatte immer das Gefühl, als würde der Vulkan jederzeit richtig ausbrechen. Verstärkt wurde dieser Eindruck noch durch das Geräusch herabfallender Steine, die wieder zurück ins Kraterinnere fielen. Eine ziemlich einzigartige Stimmung.

Die plötzlich aufziehenden Wolken und das Grummeln kamen diesmal nicht vom Vulkan und so machten wir uns schleunigst an den Abstieg und rannten das kurze Stück zu einem Hindutempel, gerade noch rechtzeitig, bevor der Regenguss losbrach. Da wir zu Fuß gekommen waren, unsere Regenjacken in der Unterkunft gelassen hatten und nicht wollten, dass unsere Kleidung auch am nächsten Tag noch vollkommen nass sein würde – schließlich brauchten wir sie sehr früh wieder – suchten wir Unterschlupf in der geschlossenen Tempelanlage. Und warteten.

Und warteten. Und warteten. Und warteten. Als nach zwei Stunden weder Regen noch Gewitter aufgegeben hatten, mussten wir nachgeben, bevor die Dunkelheit hereinbrechen würde. Es hatte inzwischen schon merklich abgekühlt und der anhaltende Wind machte es nicht besser. So ging es im Laufschritt zum Rand der Savanne. Auf halbem Weg kamen uns zwei Mopeds entgegen, die anboten, uns gegen eine Gebühr zur Unterkunft zu bringen. Das konnten wir nicht ablehnen und so kamen wir schneller und weniger nass aber leider nicht weniger durchfroren in unserem Zimmer an. Und eine warme Dusche konnten wir uns auch nicht gönnen. Das Wasser hatte die Temperatur eines Bergbaches. Kein Wunder, wir waren schließlich auf 2200m Seehöhe. Wie sehr hätten wir uns eine Heizung gewünscht.
Vor einem Restaurant erschien uns dann ein Engel in Form eines Haubenverkäufers und so saßen wir mit unseren neu erworbenen, original Bromo-Hauben im Restaurant und wärmten uns langsam wieder auf. Das gefiel dem Verkäufer, der bei jeder Gelegenheit durch die Scheibe lachte, winkte und die Daumen nach oben streckte.

Um kurz vor 3 Uhr morgens krochen wir aus unserem kuscheligen Bett und machten uns auf den Weg, den Sonnenaufgang zu bestaunen. Üblicherweise buchen Touristen einen Jeep, der sie zu einem Aussichtspunkt auf dem Berg karrt, von wo aus sich ein Panoramablick auf Bromo, Semeru und die umliegenden Berge bietet. Wir hatten am Vortag eine Route erkundet, von der wir hofften, dass sie uns von den Massen wegführt. Und so folgten wir der Straße durch die Dunkelheit zum Fuß des Berghanges.
Die Stille wurde plötzlich von lautem Hundegebell unterbrochen, gefolgt von Knurren, Jaulen und Heulen. Es handelte sich offenbar nicht nur um einen Hund, sondern um ein ganzes Rudel. Und so ganz sicher, ob es sich nur Hunde handelte, waren wir uns auch nicht. Die Handy-Taschenlampe auf die Straße vor uns gerichtet, funkelten uns mehrere Augenpaare vom Straßenrand an. Um kein Risiko einzugehen, schlugen wir uns in entgegengesetzter Richtung in die Felder und umgingen die unberechenbaren Wesen vor uns. Das ganze wiederholte sich kurz darauf noch einmal und wir überlegten schon, uns doch ein Fahrzeug zu organisieren. Als uns kurz darauf zwei Hunde überholten, ohne näher von uns Notiz zu nehmen, waren wir uns ziemlich sicher, dass die Hunde nur untereinander um Futter oder Revier gekämpft haben mussten. Aber man weiß ja nie.

Als wir die ersten Aussichtsplattformen passiert hatten, verwandelte sich die Straße in einen schmalen Pfad und wir waren guter Dinge, den Horden so entkommen zu können. Außerdem sahen wir in der Ferne eine endlose Kolonne an Lichtern durch die Savanne ans andere Ende der Bergkette fahren – jedes Paar davon ein Jeep.
Doch die Hoffnung wurde schnell begraben, als der Pfad wieder in eine befestigte Aussichtsplattform mündete und von dort ein gepflasteter Weg weiter nach oben führte. Schon kamen uns reihenweise Touristen entgegen, die ganz offensichtlich keinen Schritt zu Fuß gegangen waren und wir hörten bald das Hupen und Motorengehäul der hunderten Jeeps, die sich den Bergkamm entlang nach oben stauten. Die Stimmung war kurzzeitig am Tiefpunkt, schließlich war es eine deprimierende Aussicht, sich mit hunderten anderen Touristen um den Ausblick prügeln zu müssen.
Doch zum Glück folgen Jeep-Touristen gepflasterten Wegen wie Züge ihren Gleisen und so aktivierten wir unseren Entdecker-Sinn und schlugen uns in die Büsche. Wir fanden auch gleich eine schmale Schneise im hohen Gras, die uns geradewegs zu einer Hügelkuppe führte. Wir hatten unsere ganz persönliche Aussichtsplattform gefunden. Von dort hatten wir nicht nur einen wunderbaren Blick auf das Vulkanpanorama sondern auch auf die zusammengedrängten Mitschauer unter uns.
So genossen wir den Sonnenaufgang.

Während wir uns wieder auf den Rückweg machten, fuhren die Jeeps in Richtung Bromo und die Massen, die sich zuvor auf den vielen Plattformen gedrängt hatten, bahnten sich nun ihren Weg zum Kraterrand. Wie angenehm, dass wir tags zuvor die Treppen nur mit einem einzigen anderen Paar teilen mussten.
Nach einem schnellen Frühstück buchten wir erneut einen Jeep und machten uns auf die Fahrt zurück nach Malang.
Dort bezogen wir ein Hostel, dass aus Bungalows auf dem Dach eines Hotels besteht. Eine interessante Abwechslung, aus der Dusche über die Stadt zu sehen und bei Sonnenuntergang vor dem Bungalow auf ein Meer aus Häusern statt aus Wasser zu blicken.

Malang selber hat nicht viel zu bieten (haben wir uns von Insidern sagen lassen), außerdem waren wir noch müde von unseren letzten Touren. Wir schlenderten den verbleibenden Nachmittag und den nächsten Vormittag durch die Stadt und entdeckten dabei zum ersten Mal richtige Kirchen. Eine davon sogar direkt neben einer großen Moschee. Und wir fanden einen Stein, der uns an die Heimat erinnerte.

Was die Heimfahrt angeht möchte ich ungern ins Detail gehen, ich versuche sie so gut wie geht zu verdrängen. 7,5 Stunden zusammengepfercht mit 6 sich gegenübersitzenden Menschen auf waagrechten Sitzbänken ohne jegliche Beinfreiheit haben vermutlich bleibende Schäden bei mir hinterlassen. Da hilft nur, sich die schönen Erlebnisse der vergangenen Tage in Erinnerung zu rufen.

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3 thoughts on “Bromo

  1. Ihr seid wirklich sehr abenteuerlustig – ich gratuliere zum Inneren-Schweinehund- überwinden! Fantastische Fotos und ein toller Text, danke für’s teilhaben lassen!

  2. Abenteuer pur. Sehr beeindruckende Bilder. Und schön, dass ihr gesund wieder zurück seid (mit hoffentlich nicht allzu schwerwiegenden Schäden 🙂

  3. Ja, ja – der Schweine-Wauwau. Anna weiß, wie man ihn besiegt ;-). Aber es hat sich gelohnt, finde ich. Viel Abenteuer, tolle Eindrücke und wie immer von Luki in Wort und Bild meisterhaft festgehalten. Da möchte man wirklich gerne dabei gewesen sein! Weiter so…

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