Wir sind ja nicht zum Spaß hier. Auch wenn man aufgrund der letzten Beiträge durchaus den Eindruck bekommen könnte. Auf jeden lustigen Ausflug folgt ein harter Alltag. Und das ist nur ein bisschen übertrieben. Denn der Alltag beginnt früh und wer mich kennt weiß, dass man mich vor 9 Uhr nur vorsichtig ansprechen sollte, wenn man mich überhaupt zu Gesicht bekommt. Um diese Zeit habe ich meinen ersten Vorlesungsblock schon beinahe hinter mir und bin seit 3 1/2 Stunden auf den Beinen. Eine Runde Mitleid bitte. Danke.
Aber ich habe mich meinem Schicksal ergeben und meinen Rhythmus radikal umgestellt. Anscheinend fällt das Frühaufstehen leichter, wenn man früher schlafen geht.
Kleidung
Die nächste Umstellung war der Kleidungsstil. Nachdem ich es bis jetzt geschafft habe, dass mir weder im Arbeitsleben noch in der Schule oder während des Studiums Vorschriften bezüglich meiner Kleidung gemacht wurden, muss ich jetzt ausgerechnet in Indonesien Hemd und Krawatte tragen. Auch Jeans sind nicht erlaubt.
Auf diese Regeln wird man immer wieder mehr oder weniger dezent hingewiesen. Per Mail, durch große Aufsteller am Eingang des Gebäudes oder auch mithilfe kleiner Flyer, die unschuldig auf jedem Platz im Hörsaal liegen.
Dass diesen Vorgaben dann auch streng Folge geleistet werden sollte, erfuhr ein indonesischer Studienkollege in der ersten Vorlesung. Er hatte seine Krawatte noch in der Hand, als er den Raum betrat und wollte sie vermutlich an seinem Platz fertig umbinden. Schwerer Fehler. Der Professor befahl ihm, sofort den Hörsaal zu verlassen und erst wieder zu kommen, wenn er ordentlich gekleidet wäre. Nicht ganz die asiatische Höflichkeit, die ich erwartet hatte.
Interessanterweise scheinen die Vorschriften für die Damen nicht ganz so streng zu sein. Hauptsache sie zeigen nicht zu viel Haut. So sitzen manche meiner weiblichen Studienkolleginnen mit Kapuzenpulli neben mir. Wie beneidenswert.
Kritik
Weil wir gerade bei Umstellungen sind. Den Professor zu kritisieren ist ein absolutes No-Go. Wobei mit kritisieren nicht nur gemeint ist, ihn auf einen Fehler hinzuweisen – auch wenn er Äpfel für Birnen verkauft – sondern ebenso, Dinge zu hinterfragen oder eigene Meinungen zu äußern, wenn sich diese nicht mit denen des Professors decken.
Darauf wurden wir (Exchange Students) nach der ersten Woche auch nochmal vom Office of International Affairs (OIA) hingewiesen. Das klingt jetzt ernster als es ist. Im OIA der Uni sitzen unsere direkten Ansprechpartner, die unseren Aufenthalt koordinieren und uns bei allem möglichen unterstützen. Wir haben also keine diplomatische Krise ausgelöst.
Das mit dem Nicht-Kritisieren ist besonders schwierig, da die Professoren versuchen, den Unterricht interaktiv zu gestalten und keinen Frontalunterricht zu betreiben. Prinzipiell lobenswert aber das bietet natürlich nicht nur ein Fettnäpfchen sondern gleich ein ganzes Fettmeer, in das man treten kann.
Master of Management
Ach ja, das hätte ich fast vergessen. Also nochmal zurück zum Anfang. Ich studiere an der Universitas Gadjah Mada (UGM) den Studiengang Master Of Management (MM). Die UGM ist die größte Uni in Indonesien und erstreckt sich über einen weitläufigen Campus im Norden der Stadt. Der Master of Management ist in einem eigenen Gebäude am Rande untergebracht. Inklusive eigenem Parkplatz (natürlich mit Parkwächter), Mensa und Garten. Wobei ich dort – trotz seiner Atmosphäre – noch nie jemanden sitzen gesehen habe. Aber wer setzt sich auch bei dieser Hitze mit Hemd und Hose in den Garten.
Die Hörsäle sind auf kleinere Gruppen ausgelegt. Und nicht nur auf kleinere Gruppen, sondern auch auf kleinere Menschen. Die Tische sind nicht einmal so hoch, dass ich meine Beine im Sitzen darunter bekommen könnte und so kurz, dass ich sie auch nicht ausstrecken kann. Das führt dazu, dass die meisten Austauschstudenten eigenartig verkrümmt in ihren Stühlen hängen und gezwungenermaßen so aussehen, als würden sie zu Hause auf der Couch herumlungern. Nur, dass es nicht so gemütlich ist.
Unterricht
Da es sich beim Magister Manajemen anscheinend um ein MBA-Programm handelt (so ganz eindeutig konnte mir das noch niemand bestätigen), erfordern die Kurse zum Glück kein ausführliches Vorwissen im jeweiligen Bereich. Sonst hätte ich beispielsweise für Financial Management einiges nachzuholen. Auch wenn mir die Semester in Pforzheim eigentlich in allen Kursen als gute Basis dienen.
Die Inhalte pro Fach folgen jeweils einem Lehrbuch aus dem amerikanischen Raum, manchmal in einer asiatischen Variante. Dementsprechend scheint auch der Unterrichtsstil amerikanisch gefärbt zu sein, mit vielen Fallstudien, die von Einheit zu Einheit bearbeitet werden sollen und anschließend diskutiert werden. Auch die Assignments, die in manchen Fächern jede Woche abgegeben werden müssen, erinnern an amerikanische Filme. Oder an die geliebten Hausaufgaben aus der Schulzeit. Und wehe dem, der unvorbereitet in die Vorlesung kommt oder sein Assignment nicht abgegeben hat. Dem wird dann schon mal vor versammelter Mannschaft nahegelegt, nicht mehr in die nächste Vorlesung zu kommen (Nein, liebe Eltern, ich war brav).
Und ich hatte mich schon gefreut, dass ich pro Fach nur zwei Prüfungen schreiben muss.
Mein Eindruck bis jetzt ist, dass es durch die Fülle an wöchentlichen Aufgaben schwer fällt, sich auf einzelne Themen zu konzentrieren und die Qualität der erbrachten Leistungen darunter leidet. So müssen wir zum Beispiel in Financial Management pro Gruppe vier Präsentationen (über jeweils ein bis zwei Kapitel aus dem Buch) halten. Das führt in den meisten Fällen dazu, dass Absätze und Formeln aus dem Buch auf die Folien kopiert und vorgelesen werden. Davon hat niemand etwas. Außer einer.
Insgesamt gehe ich aber gerne an die Uni. Trotz des frühen Aufstehens, der strikten Kleidungsvorschriften, der strengen verschulten Unterrichtsweise und dem – nicht ganz dem Cliché eines Auslandssemesters entsprechenden – Arbeitsaufwands.
Die netten Kollegen, die spannende Umgebung und die an sich interessanten Inhalte sorgen dafür, dass der Spaß nicht verloren geht.
Schließlich sind wir ja auch zum Spaß hier.









braves kind, ich bin stolz auf dich!
Wir, deine Großeltern, sind auch stolz auf dich!
das ist die kleinste geige der welt und sie spielt das traurigste lied der welt nur für dich.
Du Armer! Gut, dass es nette Kollegen gibt!
Nun ists also vorbei, die Plage. 😉 Gratulation.